Auf den Straßen der Großstädte geschehen oft Dinge von mafiosem Charakter. Sie ereignen sich im Verborgenen, oft unter heiterem Himmel, verlieren sich, um wieder zu erscheinen. Bewusst – unbewusst, schlafwandelnd sind Dichter, so wie ich einer bin. Ich liebe Zahlen, Statistiken, mit meinem geistigen GPS durchs All zu fliegen. Ein mutiger Adler, ein schlauer Fuchs, eine flinke Forelle.
Zu erleben, wie die Sonne Schatten zum Leuchten bringt.
Achtzig Meter ist sie lang, die nach dem Dichter Max von Schenkendorf benannte Straße, dessen Gedicht „Freiheit, die ich meine“ noch heute zum deutschen Liedgut zählt. 1813 als Protestsong gegen die Besetzung Preußens durch Napoleon geschrieben, ließ es Bundespräsident Joachim Gauck im Großen Zapfenstreich zu seiner Verabschiedung vom Musikkorps der Bundeswehr spielen. Auch bei den Nationalsozialisten gehörte es zum „deutschen Liedgut“. Peter Maffay hat es gesungen. Mit der linken Hand schrieb Schenkendorf seine Verse, da ihm die rechte bei einem Duell zerschossen worden war.
Die 1878 erstmals erwähnte Schenkendorfstraße gehört zum Kiez um den Chamissoplatz, ein im Krieg kaum zerstörtes Ensemble von gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Neobarockstil erbauten Bürgerhäusern. Sie repräsentieren über 100 Jahre Stadtgeschichte – dienen häufig als Filmkulisse.
Seit etwa zehn Jahren gehört unser Haus zum Immobilienbesitz der Familie Prinz Reuß. Deren führendes Mitglied (das schwarze Schaf) Heinrich der XIII. (*1951) wurde am 7. Dezember 2022 mit 24 weiteren Verdächtigen verhaftet. Ihm wird vorgeworfen, als zentrale Figur der Reichsbürgerbewegung „Patriotische Union“ den gewaltsamen Umsturz der Bundesrepublik Deutschlands geplant zu haben. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.
Nach der Wende, dem Fall der Mauer, der friedlichen Revolution, der Wiedervereinigung – fiel die Familie Reuß dadurch auf, dass sie Restitutionsansprüche auf ehemals in ihrem Besitz befindliche Ländereien und Immobilien radikal durchsetzte. Prinz HeinrichXIII wurde der neue Besitzer des 1834 erbauten Jagdschlosses Waidmannsheil in Thüringen. Dort soll der Staatsstreich ersonnen worden sein.
Wenn ich aus dem Fenster unserer Dreizimmerwohnung schaue, sehe ich am Haus gegenüber, der Nr. 7, eine Gedenktafel. Sie erinnert daran, dass hier der Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz von der „Bewegung 2. Juni“ im zum „Volksgefängnis“ umgebauten Keller gefangen gehalten worden war. Die Tat ereignete sich vor 50 Jahren. 1975 war in Berlin Wahlkampf – und der Spitzenkanditat der CDU war entführt worden. Was für ein Skandal. Niemand wusste, wo er war. Ohne Unterbrechung berichteten die Medien. Schwerbewaffnete Polizeieinheiten durchkämmten die Stadt. Ohne Erfolg. Der Spitzenkanditat der CDU, eine Nadel im Heuhaufen.
Die Entführer veröffentlichten ein Polaroidfoto auf dem „Peter Lorenz – Gefangener der Bewegung 2. Juni“ zu sehen war und forderten die Freilassung von Gefangenen aus ihrer Gruppe. Ein bisher noch nicht gekannter Medienkrimi entspann sich. Atemlos verfolgten die Menschen jeden Fahndungsschritt. Bundeskanzler Helmut Schmidt forderte Härte, der Senat von Berlin stimmte für Austausch. Es kam zum Deal. Fünf Tage nach der Entführung, am 3. März hob eine Boeing 707 mit fünf „freigepressten Terroristen“, jeder mit einem Handgeld von 10.000 DM versehen, vom Flughafen Tegel ab. Als Faustpfand mit an Bord Pfarrer Heinrich Albertz. Nach der Landung im Südjemen verlas der Pfarrer eine Erklärung, nach der die Aktion – ohne Blutvergießen – zum erfolgreichen Abschluss gebracht worden war: So ein Tag, so wunderschön wie heute. Am nächsten Morgen meldete sich ein Unbekannter bei der Deutschen Presseagentur: Peter Lorenz finden Sie auf einer Bank im Volkspark Wilmersdorf.
1) Peter Lorenz. Kandidatenplakat zu den Abgeordnetenhauswahlen in West-Berlin 1971. 2) Peter Lorenz wurde 1975 von der Bewegung 2. Juni entführt. Der Presse wurde ein Bild von ihm mit einem Schild um den Hals zugeschickt.
Als junger Mann war Peter Lorenz 1941 in die NSDAP eingetreten, als Leutnant hatte er die Schlacht um Stalingrad überlebt. Die Zeit im „Volksgefängnis“ hatte ihn nachdenklich gemacht. Für seine Entführer*innen fand er versönliche Worte. Sein Parteichef Helmut Kohl sagte, nach der Entführung sei er „nie wieder der Alte gewesen“.
Ob die Täter Schenkendorfs Lied über die Freiheit kannten, mit ihrem Gefangenen gesungen haben, wissen wir nicht. Schach sollen sie gespielt haben.
Wenige wissen, dass es in Berlin fünfunddreißig Erhebungen gibt, die den Namen Berg tragen. Die Schenkendorfstraße ist ein Ausläufer vom Tempelhofer Berg. Das Gefälle der baumlosen, mit Kopfsteinen gepflasterten, in der Dunkelheit von Gaslaternen beleuchteten Straße beträgt ca. einen Meter. Am Ende, im Tal, stößt sie auf die sich in den letzten Jahrzehnten zu einer Touristenattraktion entwickelten Bergmannstraße. An der Ecke befindet sich noch ein Leuchtturm, der im Verschwinden begriffenen Berliner Mischung von Gewerbe, Handel und Gastronomie, das Antiquariat Minx.
Dieses Antiquariat wurde vor fünfundzwanzig Jahren eröffnet, fünfundzwanzig Jahre nachdem der prominente Gast im Volksgefängnis nebenan festgehalten worden war. Rund 25.000 Bücher stehen in Bananenkisten und hohen Regalen geordnet zum Verkauf. Die Betreiber dieser Schatzkiste, Rainer Minx und Wilhelm Fetting, kennen sie alle, können fachkundige Empfehlungen aussprechen, wissen, wo Kund*innen suchen sollten. Der Fokus des Geschäftes liegt bei Literatur und Geisteswissenschaften. Raritäten können hier zu Schleuderpreisen erworben werden. Hauptattraktion von diesem Reich der Bücher sind die vor dem Laden stehenden Tische, auf denen die Inhaber der Laufkundschaft ihre Ware präsentieren. Eine bunte Landschaft, die Vorübereilende zu kurzer Rast einlädt.
Das wahre Geschäft wird allerding per Mausklick gemacht. Vom Lager auf dem Lande gehen Bücher via Internet in alle Welt.
Gegenüber stehen eng beinander wie ein Bieneschwarm zahlreiche Jugendliche vor dem Haus Nr. 1. Munchies steht auf der rot gestalteten Fassade des kleinen Ladengeschäftes, das seit seiner Eröffnung zu einem Fastfood-Tempel geworden ist. Influencer auf Youtube und unzählbar viele TikTok Videos haben Munchies international bekannt. Ein Must-See, ein Must-Taste – in der Hauptstadt.
Der Laden bietet klassisches US-amerikanisches Fastfood, gemischt mit ein bisschen Texas-Feeling: Birria, Tacos und Burger, alles “halal”. Zielgruppe für diese süßlichen, fetttriefenden Knabbereien sind vor allem Cannabis-Raucher. Wer Heißhunger auf diese pornösen (geilen) Köstlichkeiten hat, muss viel Zeit und Geduld mitbringen. Bis zu einer Stunde kann es dauern, bis er seine nasty Kreationen, „Patty Melt-Sandwiches“ mit „Nashville Hot Chicken“ in einer weißen Tüte mit rotem Schriftzug davontragen kann. Bis zu 1000 Menschen schwärmen täglich in der Umgebung aus, um einen sicheren Futterplatz zu finden.
Sie sitzen in Limousinen (bei laufendem Motor) in zweiter Reihe, am Straßenrand, in Hauseingängen, auf Parkbänken, im U-Bahnhof Gneisenaustraße – und überall sind Verpackungsreste zu finden. Die überwiegend jugendlichen Munchie-Kunden lesen die Gedenkplatte für Peter Lorenz nicht und kaufen keine Bücher. Die Bücherkäufer*innen lesen die Gedenkplatte und essen nicht bei Munchies.
1975 lebte ich in Charlottenburg, kämpfte als Mitbegründer einer Mieterinitiave gegen Kahlschlagsanierung, für den Erhalt von Altbauten – so wie sie auch hier im Kiez um den Chamissoplatz zu verschwinden drohten. Damals forderten die Jungsozialisten kleine Klassen für kleine Kinder, Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr und die Miete dürfe nicht mehr als 10% vom Einkommen betragen.
Heute wird in der Schenkendorftstrasse Nr. 6 eine 132 qm große Wohnung für 1.460.000€ zum Kauf angeboten.
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